Rabien und die Zeitgeschichte

Ein farbiger Spiegel der Geschichte unseres Hauses zwischen 1905 und 1955 - und zugleich der Zeitgeschichte - erschien 1955 als Sonntagsserie der BERLINER MORGENPOST unter dem Titel:

"In Potsdam mal konditern gehn..." Geschichte aus 5 Jahrzehnten – erlebt im Café Rabien.

Hier können Sie alle Folgen der 13-teiligen Serie nachlesen

Folge 2 / 13

  • Konditorn in Sanssouci


In Potsdam mal konditern gehn

Geschichte aus 5 Jahrzehnten – erlebt im Café Rabien / von Franz Born, erschienen 1955 als Sonntagsserie der BERLINER MORGENPOST

Teil II Ein vielgeplagter Hofconditor

Schon am Vormittag traf man die Potsdamer Gesellschaft von 1905 in der Hofkonditorei Rabien am Nauener Tor. Wenn man eintrat, fiel sofort das ungeheure Kuchenbüfett zur Linken des Raumes mit seiner beispiellosen Auswahl an Torten und Pasteten auf.

Wie ist es nur möglich, daß die Leute schon vormittags solchen Appetit entwickeln, zu einer Zeit, da die Damen noch enge Korsetts tragen! Eine Auswahl ohnegleichen: Graf-Waldersee-Torte (Baumkuchentorte mit Mokka-Buttercreme), Auguste-Victoria-Torte (Schokoladen- und Nußkrokant-Böden mit Maraschino-Creme), Makronentorte mit Orangenkonfitüre gefüllt und Arrakfrüchten belegt, und dann die Spezialität des Hauses: Charlott-Torte mit Schokoladenfüllung und Schwedenfrüchten!

Vielleicht ein Stück Lohengrin-Torte — weiß glasiert mit Petitfours umstellt und Walnußbuttercreme gefüllt? Wir raten Ihnen zur Königin der Torten: der Genfer Torte. Anbei das Rezept:

Zuerst zwei Waffelböden mit Nougat gefüllt; die weiteren Schichten: Zitronenhuttercreme, Schokoladenboden, Zitioneneiscreme, Bisquitboden, die ganze Torte mit Johannisbeergelee eingestrichen, in Marzipan eingehüllt, mit rosa Fondant glasiert und mit einer zweiten Marzipandecke überzogen. Das Mittelstück besteht aus Früchten und Nüssen, die einzelnen Felder sind mit gelben und grünen Geleekirschen ausgelegt, und das -Ganze ist mit kandierten Veilchen bestreut. Ein Stück dieser Torte kostet dann 30 Pfennig — bitte sehr!

Der Zeiger der Wanduhr aus Ebenholz zeigt auf ½ 12 Uhr, und jetzt erscheinen die Gardeoffiziere, um zu frühstücken. Sie nehmen rasch am Büfett einen Rotwein oder einen „Liqueur“, bestellen Geflügelleberpastete, Krebse oder Volauvent, und die Blicke der bedienenden Mädchen sind angstvoll auf die Helmspitzen dieser meist sehr langen Herren gerichtet; die Pickelhauben kommen immer wieder mit den Glaslüstern der Gasbeleuchtung in Kollision.

Jetzt fahren auch draußen die ersten Dogcarts der Damen vor — mit einem mal sieht man eine Fülle von Monokeln, Lorgnons, Spitzen, Kragen mit Fischbeinstäbchen und viele große, mit Federn oder Blumen geschmückte Hüte. Nun erscheint auch der Hofkonditormeister und begrüßt seine Gäste und hilft vor allem, weil sonst der Frühstückstrubel nicht mehr zu bewältigen wäre.

Und dann fällt uns etwas ganz Besonderes auf.

Die Herrschaften verlassen plaudernd das Büfett, ohne zu zahlen. Und niemand wird angehalten. Ein einziges Mal hatte eine neue Verkäuferin gewagt, einen der Stammgäste mit der Rechnung zu belästigen — welch eine Ungeheuerlichkeit! Die Rechnung wurde nämlich immer erst am Jahresende verschickt. Und die Mädchen am Büfett mußten jeden Herrn und jede Dame genau nach Titel und Namen kennen und für sich notieren, was da von jedem an Näschereien verzehrt wurde. Solche Katastrophen etwa, dass die Baronin Gagern nicht mit „Excellenz“ angeredet wurde, durften einfach nicht vorkommen!

Dabei war dieses adlige Conditoreipublikum aus den schönsten Villen Potsdams durchaus nicht hochmütig, wie das so manche Simplizissimus-Karikaturen zeigten. Der Hofkonditor rechnete überall zur Familie; die Kinder des Ehepaares Rabien wurden zum Spielen oder zu den Kindergeburtstagen eingeladen und waren später bei den Prinzenkindern zu Gast. Die Gräfin Wartensleben, eine hochadelige Dame, die dicht am Neuen Garten wohnte, kam jedes mal persönlich zur Konditorsgattin, wenn ein Sohn geboren wurde, und brachte als Geschenk ein von ihr selbst gestricktes Baby-Jäckchen mit. Es war eine Feudalwelt noch im alten Sinne, und Snoballüren waren eher in der Provinz zu finden als hier in der Residenzstadt Potsdam.

Das Nauener Tor; kurz davor lag die Konditorei Rabien. Foto: Ullstein

Da — ein schrilles Läuten: das Telefon, diese neumodische Einrichtung, meldet sich! Die erste Verkäuferin, im schwarzen Kleid mit Zopfkrone, weißer Schürze und weißem Häubchent geht an den Apparat — das ist ihr Vorrecht! Eine Bestellung aus dem Neuen Palais! Und pflichtschuldigst versinkt sie auch am Telefon in einen tiefen Hofknix!

Die Dame da im weißen Spitzenkleid mit dem großen Federhut, die vor dem großen Wandspiegel an einem der Marmortischchen Platz genommen hat, raucht — man muß zweimal hinsehen, um es zu glauben — eine dicke, schwarze Brasilzigarre. Aber die Freifrau von Oertzen kann sich das leisten — es gibt im alten Potsdam eine ganze Fülle von Originalen und originellen Persönlichkeiten. Natürlich blickt sich alles diskret um, wenn die Modeschriftstellerin Frau Glume in einem für damalige Zeiten völlig unmöglichen Hosenrock das Cafe betritt und ihren Stammplatz im hinteren Raum einnimmt. Aber man ist in allen solchen Dingen in der Konditorei Rabien sehr großzügig.

Hier kann auch Herr Bebel, der den Hof und die Gesellschaft unablässig im Reichstag angreift, ruhig seine Zeitung lesen. Und es soll sogar vorgekommen sein, daß die Fürstin Wied eines Tages ganz öffentlich im Cafe Rabien in einer Nummer des berüchtigten Simpilizissimus blätterte — und das gerade zu einer Nachmittagsstunde, in der die Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria-Luise, ein brünetter Backfisch, mit ihrer Gouvernante hereinkam, um auch einmal bei Rabien zu konditern.

Jetzt ist es l Uhr — und man hört auf einmal von ferne Marschmusik, die immer näher kommt, lauter dröhnt... Und da lassen viele ihr Nußbaiser stehen oder das Aprikoseneis, gefüllt mit Waldmeistersahne — denn das kann man nicht oft genug sehen: das Erste Garderegiment zu Fuß kehrt, vom Bornstedter Feld kommend, durch das Nauener Tor mit klingendem Spiel zurück. An der Spitze reitet, immer wieder von der Schuljugend begeistert begrüßt, der schwarze Kesselpauker Sambo in Gardeuniform und hält die Schlegel beide hoch in die Luft gereckt, ehe er zu seinem kunstvollen Wirbel ansetzt...

Genau wie die Prinzen...

Dann ist es Mittag und die Zeit der Aperitifs und der vormittäglichen Erfrischungen ist vorbei. Die Dogcarts fahren davon, Droschken müssen herbei telefoniert werden, nur wenige Gäste bleiben zurück. In frischen weißen Schürzen versammeln sich jetzt im Oberstock des Hauses an die dreißig Personen der Belegschaft, um mit dem Chef zusammen, in patriarchalischer Weise das Mittagbrot einzunehmen.

Der Hof diktierte damals den Stil der Zeit bis in die kleinsten Einzelheiten. Die Herren trugen den Habyschnurrbart mit den aufgezwirbelten Enden genau wie der Kaiser, und weil Seine Majestät zwei Lieblingsdackel hatte, wurde der Dackel zum Lieblings- und Modehund. Die Damen wählten die Hüte wie die Kaiserin — dem Äußeren nach waren Rechnungsrat, Ministerialbeamter, Hofjuwelier und Kaufmann manchmal kaum zu unterscheiden.

Die jüngeren Offiziere waren stolz auf das kleine Bärtchen auf der Oberlippe — ihr Vorbild war der Kronprinz. In den bürgerlichen Familien galt es als selbstverständlich, daß die Söhne Offiziere wurden und studierten — genau wie die Prinzen. Wenn man es sich irgend leisten konnte, kam morgens der Friseur ins Haus zum Rasieren und die Friseuse, um der Dame des Hauses das Haar aufzustecken.

Aber auch für den gesellschaftlichen Stil — und der war ja in ganz Europa gültig — richtete man sich nach Hof und Hofgesellschaft. Es war eine Zeit, die Feste, Empfänge, glanzvolle Repräsentation, teure Diners und all die damit verbundenen Pflichteinladungen besonders liebte und dafür die größten Opfer brachte — von den Besitzern der Villen in der Weinmeisterstraße bis zu den Bürgerhäusern.

Für diese Pflichtdiners der Hofgesellschaft in Potsdam, deren Familien sich fast ein halbes Jahr lang reihum einluden, einfach weil eine Einladung die nächste nach sich zog, hatte der Konditormeister all die Vorspeisen, die Pasteten und dann die Torten und die Eisbomben zu liefern. Manchmal waren der Meister und zehn seiner Angestellten nach allen Richtungen Potsdams in Droschken unterwegs, um die sorgsam verpackten Tortenschachteln, Kasserollen mit Pasteten, Baumkuchenkisten und Tafelaufsätze in die Villen an der Glienicker Brücke, am Wildpark und in das Viertel am Pfingstberg zu liefern.

Tafelaufsätze aus Zucker, Marzipan und Tragant -- sie durften damals auf keiner Festtafel fehlen! Um diese „Kunstwerke“ Im Geschmack der Zeit zu formen, verbrachte Meister Rabien mit seinem ersten Gehilfen halbe Nächte in der Backstube, noch lange, nachdem die letzten Gäste des Cafes so etwa gegen Mitternacht gegangen waren. Die alten Bestellisten verraten uns, was da alles gefordert wurde.

Ein riesiges Arrangement von naturgetreu gefärbten Marzipanfrüchten — das war noch das Einfachste! Aber da mußte der „Zeppelin mit mythologischen Figuren“ geliefert werden, die gesamte Neptunsgruppe vom Exerzierplatz am Stadtschloß, ein Aufsatz, der kaum auf zwei Tischen Platz fand, und — die tollste Bestellung vielleicht, die vom Offizierskorps der Pioniere ausging — der Pionier Klinke, der im dänischen Krieg allein die Düppeler Schanze stürmte und dabei zu Tode verwundet wurde! Und das alles in Marzipan geformt!

Seine Majestät aß zu schnell

Wenn Meister Rabien nach einer solchen Arbeitsnacht sich noch gerade ein Stündchen zur Ruhe begeben hatte und dann, nach kaum einer Viertelstunde Schlafes, von einem empörten Schutzmann herausgetrommelt wurde, mag er nicht sehr entzückt gewesen sein.

Was halten die drei Damen da? Den Zeppelin! Und das Ganze war ein kunstvoller Tafelaufsatz aus Zucker und Marzipan. Foto: privat

Was war geschehen? Die Herren Fähnriche von der Kriegsschule hatten sich wieder einmal einen ihrer Streiche geleistet. Diesmal hatten sie mit den Gartentischen und -stühlen und den Efeukästen des Cafe die Durchfahrt des Nauener Tors kunstgerecht verrammelt, so daß es für die erste Pferdebahn keine Möglichkeit gab, hindurchzukommen. Und außerdem hatten sie über dieser geglückten Barrikade noch das goldbronzierte Firmenschild „Hofconditorei E. Rabien" aufgehängt. Am Nachmittag genossen die jungen Herren dann ihren stillen Triumph bei Absinth, Pasteten und Torte — natürlich in der Konditorei Rabien.

Besonders aber an den Festtagen der Residenzstadt Potsdam war die Hofkonditorei Rabien der glanzvolle Treffpunkt für all die Gäste, die zu solchen Gelegenheiten nach Potsdam herübergekommen waren. Schon wenn Seine Majestät anläßlich einer Parade ein offizielles Frühstück im Stadtschloß oder im Neuen Palais gegeben hatte, war das am Büfett deutlich zu merken. Hohe Offiziere, Adjutanten und zylindergeschmückte Herren drängten sich dort, um nun erst einmal tüchtig zu frühstücken. Denn die wenigsten hatten an der reichen kaiserlichen Tafel etwas zu essen bekommen! Seiner Majestät wurde meist, zuerst serviert, und er aß meist so schnell, daß die letzten Gäste noch nicht einmal ein Vorgericht erblickt hatten, wenn der Kaiser schon wieder aufstand.

Da war der Besuch des Schah von Persien, und die Offiziere in den prunkvollen exotischen Uniformen ließen es sich nicht nehmen, hier einmal das Konditern zu probieren. Da war der Geburtstag der Kaiserin, der stets im Neuen Palais gefeiert wurde — ein Festtag für ganz Potsdam und zugleich ein Tag, an dem Meister Rabien ein ganz besonderes Tortenkunstwerk für Ihre Majestät zu liefern hatte.

Auch nach dem berühmten alljährlichen Schrippenfest auf dem Mopke war ein Galadiner für die zur Parade geladenen Gäste in dem berühmten Muschelsaal des Neuen Palais. Die Gartenpartien um das Neue Palais herum mußten dann besonders abgesperrt werden, weil so viele Potsdamer und Berliner herbeigeströmt waren, und von Zivilisten hatte an diesem Tage wahrscheinlich nur Meister Rabien mit seinen Lehrlingen einen freien Passierschein für den Kordon, weil er im Muschelsaal die Tortentafel aufstellen mußte.

Teil 3 - Schrippenfest und Kronprinzenhochzeit

BERLINER MORGENPOST -- SONNTAG, 4. SEPTEMBER 1955


Rabien Preislisten

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das neue Rabienlogo mit Cafe
Konditorei Rabien
Klingsorstr.13 - 12167 Berlin

Öffnungszeiten 2017
  • Montag bis Samstag 9.00 - 18.00
  • Sonn- und Feiertag 12.00 - 18.00

  • Sonderöffnungszeit Heiligabend
    Sonntag 24.12. von 9.00 - 13.00

  • Die Konditorei ist geschlossen vom
    25.12.17 bis einschliesslich 01.01.2018

Telefonische Baumkuchen Bestellungen Telef. Bestellungen: (030)791 65 95
Weitere Informationen

Wo gibt es Rabien-Torten

Eine Auswahl feiner Konditoreien, in denen unsere Produkte inklusive tagesfrischer Torten erhältlich sind Mehr >